Ein Folterinstrument in elegantem Design. Das wäre zu eng gefasst. Ein Zahnarztbehandlungsstuhl spricht alle Sinne an. Alle Sinne sind gefordert und werden bedient. Wenn behauptet wird, Menschen hätten keinen freien Willen, der Stuhl beim Zahnarzt ist der Ort für die Inszenierung von Willenlosigkeit: „Lassen Sie den Kopf nach hinten fallen!“ - „Bitte Ausspülen!“
Ein minimaler Rest an Selbstbestimmtheit bleibt: Augen zukneifen. Der Bohrer surrt, das Desinfektionsmittel zieht in die Nase. Auf der Zunge — Metall! Die Finger suchen die Stuhllehne. Erbarmen!
Werbung ist für Ärzte ist seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr verboten. Man fragt sich: Ist ein Zahnarztstuhl Marketing-Tauglich? Wäre die Ausstattung des Behandlungsstuhls ein Argument, den Zahnarzt zu wechseln? Wären umgekehrt ein paar Dienstleistungs-Tools ein Argument zur Absatzsteigerung? Ein paar Sekunden automatische Massage, während der Doktor den Bohrer austauscht? Ein Zahnarztbehandlungsstuhl ist eine unkaputtbare Geschäftsidee—aus der analogen Welt— und wahrscheinlich noch ausbaubar. Seine Polster, seine ergonomischen Qualität, stehen für eine sehr persönliche Regulierung zwischen Buße und Erlösung, Sünde und Befreiung, für die Balance zwischen Hingabe und Katharsis. Der Thron des Schmerzes und ein Startblock für gute Vorsätze.
Foto oben: Ritter Concept, gemeinfrei
Foto unten: Zahnärztliche Behandlung Militärschule Eisenstadt, 1912, gemeinfrei, wikipedia