artefakt | schnürsenkel



Das Binden eines Schnürsenkels ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Feinmotorik wird gebraucht. Nervenzellen müssen Teamgeist zeigen, damit Muskeln in Gang gesetzt werden. Entscheidend ist der Hirnstamm, der fließend ins Rückenmark übergeht. Er ist wichtige Schaltzentrale zwischen den motorischen Zentren im Gehirn der Planungsabteilung oben im Kopf, das „Houston“ für jede Schnürsenkelschleife dieser Welt und den Motoneuronen im Maschinenraum des Rückenmarks. Von dort aus werden die Kontraktionen in den entsprechenden Muskelzellen ausgelöst. 

Wer die Schleife kann, ist solidarischer Teil eines allumfassenden Arbeitserleichterungsförderungsprogrammes für Erzieherinnen, Erzieher, Mütter, Omas, Väter, Opas, Lehrer.  — Eigentlich für alle. Es gibt Kindergärten, in die man ohne Schuhschleife-Aufnahmeprüfung nicht reinkommt. 

Das Schuhebinden ist eine Kulturtechnik, von der man weiß, dass sie auch Ötzi schon kannte, aber stammt sie auch aus dem europäischen Kulturraum? Wir wissen, dass es woanders Kulturen gab, die es generell mehr mit Schnüren als mit Schrauben und Nägeln hatten. 

Und jetzt das Ganze jetzt noch mit verbundenen Augen oder ohne hinzuschauen, das ist schon de luxe. 

Das Binden von Schnürsenkeln stellt Anforderungen an die motorische, kognitive und soziale Entwicklung von Kindern. Wer die Schuhschleife ‚kann’ hat es später auch beim Schreiben leichter oder beim Zeichnen, selbst wenn seine Schuhe dann einen Klettverschluss haben.

 

Foto oben: Schnürsenkel ©1971markus, gemeinfrei

Foto unten: ©Bordeaux Pittoresque 21 -marchande de lacets, gemeinfrei

 


„Motorcortex an Sulcus centralis— wir brauchen mehr Stromstärke.“ 

„Ausgeschlossen! 

“Ich hab den Kontakt zu meinen Neuronen verloren“

„Lass den kleinen Finger weg, verdammt! Herrje! Wann kapiert Ihr das? 

„Los, noch mal. Alles auf Anfang!“

„Ich bin Linkshänder. Ich kann das nicht koordinieren.“

„Ihr kriegt es doch auch sonst gebacken, wenn Ihr Hunger habt. Mit der Hand zugreifen und Mund auf! Ist das gleiche. 

„Nein, jetzt nicht mit dem Mund! Ist das so schwer?“