artefakt | kompass



Die Römer haben es schon gewusst und die Chinesen auch. Mehr als ein Jahrtausend, bevor ein gewisser Flavio Gioja aus dem italienischen Amalfi, der sich von Berufs wegen Seefahrer nannte, behauptete, er habe den Kompass erfunden. Um 1900 errichtete ihm seine Heimatstadt am städtischen Hafen ein Denkmal. Amalfi liegt am Golf von Salerno und gleich gegenüber der Bucht liegt Positano, welches in gleicher Weise behauptet, Flavio Gioja sei ein Sohn der Stadt gewesen. Ihm ein Denkmal zu setzen, haben sie sich in Positano noch nicht getraut, stattdessen trägt ein Hotel seinen Namen: Villa Flavio Gioja.

Der Kompass, dessen Herzstück die Kompassnadel während der gesamten Zeit ihrer Existenz nichts anderes tut, als sich in Nord-Südrichtung an den beiden Magnetpolen nördlich von Spitzbergen und in der Antarktis auszurichten, ist eine der bedeutendsten Erfindungen in der Menschheitsgeschichte. Wo wäre die Menschheit heute ohne dieses Werkzeug? Wo wäre Kolumbus gelandet— ohne Kompass? 

Die Erfindung mag sie nun von Flavio Gioia stammen oder nur eine Übernahme aus älteren Hochkulturen sein — ist die unmittelbare Antwort auf unser Orientierungsbedürfnis. Das Wort Kompass wird gerne zur Beschreibung von menschlichen Persönlichkeitsdefiziten gewählt. Er oder sie hatten „keinen Kompass“.

Ein kleines Teil aus Magneteisenstein dreht sich —wo immer es auch ist— in Nord-Südrichtung. Und wenn was dazwischenkommt, ein störrisches Teil Holz oder Plastik, der Magneteisenstein wird immer wieder versuchen, sich an den magnetischen Polen auf der Erde auszurichten. Und so wurde der Kompass im Großen wie im Kleinen zum wichtigsten Instrument, als die Menschheit begann, ihren Siegeszug über diesen Planeten anzutreten und auszubauen. Ohne Orientierung geht es nicht. 

Und immer wieder Mal, gedacht in erdgeschichtlichen Zeiträumen, kommt für die Kompasse dieser Welt zu einer Polumkehr. Dann wird aus dem magnetischen Nordpol der magnetische Südpol und umgekehrt. Es klingt dramatisch, aber es ist bis heute noch niemandem aufgefallen, wohl auch, weil dieser Prozess nach Meinung von Wissenschaftlern Tausende oder wenigstens Hunderte von Jahren beansprucht. Und auch das wird von der Wissenschaft mal frank und frei bekannt gegeben. Sollte eine solche Polumkehr passieren, niemand verlöre dadurch die Orientierung. Satellitensysteme und GPS sind bösen Absichten von Desinformanten und Desorientierenden ausgeliefert, der Kompass bleibt.

 

Foto oben: Landvermesser-Kompass mit Neigungsmesser Lizenz

Fotos unten: Kardanischer Kompass, Wikipedia gemeinfrei - Kreiselkompass, IMM Hamburg