Der Füllfederhalter . . . eine längst vergessene Rarität? Ein Artefakt der Vergangenheit?
In diesen hektischen, digitalisierten Zeiten, wo wir von SMS, WhatsApp, Instagram und E-Mails zur rastlosen Schnelligkeit geradezu angetrieben werden, entsteht unaufhaltsam eine große Sehnsucht nach Ruhe, Verlangsamung, Durchatmen!
Der Füllfederhalter hat eine reichhaltige Geschichte. An ihm lässt sich die Historie von Schrift, Moderne und Herrschaftssystem sehr eindrucksvoll nachvollziehen. Dieses Exponat ist geeignet, eine aktuelle Dynamik zu beschreiben. Wie fast kein anderer Gegenstand kann er Menschen mit ihrem Inneren verbinden. Beim Schreiben mit der Hand, bei dem wir etwa 30 Muskeln und 17 Gelenke beschäftigen, sind wir körperlich, seelisch und mental eine Trilogie. Schreibt man klassisch seine Gedanken und Gefühle aufs Papier, trainiert man zusätzlich noch 12 weitere Gehirnregionen. Das analoge Schreiben mit einem Füllfederhalter - in Zeiten von Sprachmodellen, Textverarbeitungsprogrammen und KI - macht uns freier und einfallsreicher. Texte und Worte, schnell in unsere Rechner und Handys eingetippt, sind mit einem Strich löschbar und beliebig reproduzierbar. Auch ein edler Bleistift kann die Lust am Schreiben beflügeln. Im Verbund mit einem weichen Radiergummi kann man sich immer wieder korrigieren. Auch Goethe bevorzugte einen Bleistift, um seine Worte zu Papier zu bringen. Eines seiner bekanntesten Gedichte schrieb er mit Bleistift an eine Hüttenwand.
Foto oben: Mabie Todd & Co. New York 1927, CC BY-SA 4.0
Fotos mitte: Patent_1884_r._Lewis_Edson_Waterman_wiki_gemeinfrei - H_Hoffmann_Struwwel_Literarische Anstalt Rütten & Loening, 1917_gemeinfrei
Foto unten: Feder_Fueller Ralf Pfeifer-CC BY-SA 3.0
Die Königsdisziplin ist und bleibt das Schreiben mit Feder und Tinte. Das Comeback des Füllfederhalters rekrutiert sich aus der Sehnsucht nach dem sogenannten „Goldenen Zeitalter“ des Schreibens. Nennen wir es Nostalgie, Romantik oder Schwärmerei. „Wer handschriftlich schreibt, lebt länger“, sagt eine Studienrecherche. Alleine schon dieser Gedanke beflügelt die Phantasie und die Lust am Schreiben. Es ist mehr als eine Aneinanderreihung von losen Wörtern auf einem Blatt Papier. Es hat etwas Magisches.
Wir „ müssen“ uns viel mehr Zeit nehmen, über unsere Gedanken zu reflektieren, sie reifen zu lassen, sie selbst zu verstehen, bevor wir sie aufs Papier bringen. Das Blatt, auf das wir mit Tinte schreiben, hat nun mal keine „ Zurück-Taste“. Man wird liebevoll gezwungen, auf Inhalt, Handschrift und Grammatik zu achten. Man gibt sich selbst eine kostenlose Lektion in Ruhe, Gelassenheit und Achtsamkeit.
Das Schreiben wird zu einer Art Meditation. Der Moment zählt. Die Ruhe zählt. Der Raum, sich zu entfalten, zählt.
Es ist nicht exakt festzustellen, wer den ersten Füllfederhalter erfunden hat. Der lange Weg und die Entwicklung des Füllers, wie wir ihn heute kennen, basiert auf Geschichten, die schwierig nachzuverfolgen sind.
Und ob Lewis Edson Waterman der Erfinder des „modernen“ Füllfederhalters war, ist auch nicht eindeutig nachweisbar.
Gesichert ist aber, dass der rumänische Gelehrte Petrache Poenaru 1827 die erste Schreibfeder aus gewalztem Metall erfand.
Man kann in der Historie sehr weit ausholen. Darin stecken die Momentaufnahmen einer Jahrtausende alten Kultur. Angefangen bei den Höhlenkulturen vor der neolithischen Revolution, über die Sonnentempel im Tal der Könige, den Mythen Babylons bis hin zu den Keilschriftkulturen. Diese Kultur findet man überall auf der Welt. Das zeigen die Thorarollen des Hebräischen, die asiatischen Zeichensprachen über die Scriptorien des Mittelalters (Gutenberg) bis hin zur Moderne.
Tatsächlich – und das ist wunderbar – gibt es noch „artefaktische“ Zeugnisse in der im Wettbewerb stehenden Füllfederhalter-Industrie. Man findet sie in Handschuhsheim in der Dossenheimer Landstraße 98. Nicht weit davon steht das „Füllfederhalter-Museum“ mit etlichen Exponaten und Raritäten Heidelberger Füllerhersteller von 1900 bis in die 1930er-Jahre war die Stadt das Zentrum der europäischen Füller - Industrie.